Das Blatt ohne Laub

Ein großes grünes Lindenblatt,
War’s höchste auf dem Baum,
Schaut‘ auf die andern nur hinab,
’s gab ja nichts, um aufzuschau’n.

Denn Sonne, Himmel, Mond und Sterne
Empfand es nicht als über sich,
Nach oben schaut man nicht so gerne
Nach unten spürt’s der Nacken nicht!

Doch kürzer wird der Sonne Schein,
’s wird kälter in des Herbstes Tagen
Da fühlt das stolze Blatt: „Ich bin allein!“
„Sprecht doch mit mir, ich will was fragen!“

„Die Frage ist nicht, was willst Du!“,
Ruft von unten da der Blätter Chor,
„Niemand hört Dir jetzt mehr zu!“
Von der Spitze geht’s nicht mehr empor!

Kraftlos wird das Spitzen-Blatt,
Es kann sich nicht mehr halten.
Es flattert von dem Baum hinab,
Der Herbst lässt seine Kräfte walten.

Es liegt ganz unten nun im Dreck,
Schaut zu denen auf, die vorher drunter hingen.
Die wärmen sich, das ist der Zweck,
Und schützen sich vor starken Winden.

Nach und nach wird’s unten voll,
Für‘s große Blatt sind alle taub.
Keiner weiß, was man mit ihm noch reden soll,
Denn sie war’n kein Blatt, sie war’n ja Laub!

Wenn Dein Platz mal an der Spitze ist,
Denn einer muss auch dort ja sein,
Ist entscheidend, dass Du nicht vergisst,
Ohn‘ die da unter Dir bist auch Du komplett allein!

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